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Schiers
13.09.2021
13.09.2021 12:26 Uhr

«Ünscha Wald im Wandel»... eine Beobachtungstour mit den Förstern

Matthias Zubler (links) ging auf die Geschichte des Waldes ein.  Das Bild zeigt Schiers um 1900, vom Rosenberg aus aufgenommen.
Matthias Zubler (links) ging auf die Geschichte des Waldes ein. Das Bild zeigt Schiers um 1900, vom Rosenberg aus aufgenommen. Bild: Heidi Wyss
Hunderte von dürren und kahlen Bäumen – Fichten, Tannen und Eschen kämpfen ums Überleben. Dass sich der Wald vor der Haustür verändert und dies in rasantem Tempo, ist nicht zu übersehen. Zwei Dutzend Schierserinnen und Schierser nutzten am Samstag die Gelegenheit. Zusammen mit den Förstern ­gingen sie diesem Wandel auf die Spur.

Unsere Wälder leisten Erstaunliches. Sie bilden nicht nur Lebensraum für unzählige Tiere und Pflanzen, speichern CO₂, sie dienen uns Menschen als Erholungsgebiete und Holzlieferanten. Als Schutzwälder bewahren sie uns und unsere Infrastruktur vor Murgängen, Erdrutschen und Lawinen. Trockenperioden und Stürme, Borkenkäfer und Krankheiten verändern den Wald jedoch rasant. Nicht alle Baumarten kommen mit den Klimaextremen zurecht. Sie weichen in höhere Lagen aus oder verschwinden mit der Zeit ganz, andere Arten profitieren und breiten sich aus. Die Pflege der Gebirgs- und Schutzwälder stellen Waldeigentümer und Forstleute vor grosse Herausforderungen.

Teil der Kulturlandschaft

«Es dürfte sich kaum Schierser Wald finden, in welchem in den letzten 200 Jahren kein Holz geschlagen wurde. Der Wald ist Teil der Kulturlandschaft», so Thomas Löffel, in der Gemeinde Schiers zuständig für Wald und Wanderwege. Er wollte wissen, welche Ansprüche die Gesellschaft an den Wald stellt, was die Schierserinnen und Schierser von ihrem Wald erwarten. Zusammen mit Regionalforstingenieur Matthias Zubler, Leiter Amt für Wald und Naturgefahren Region Herrschaft/Prättigau/Davos, lud Löffel die Bevölkerung zur nachmittäglichen Beobachtungstour ein. Peter Bebi, Umweltwissenschaftler vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos, wartete dazu mit wissenswerten Informationen aus Forschersicht auf. 

Vom Werkhof Schiers aus verschob sich Gross und Klein per Fahrrad oder Shuttle Bus Richtung Aeuliweg, wo auf dem Trassee der ehemaligen, alten Kantonsstrasse, ein erster Stopp eingelegt wurde. Die Nationalstrasse samt darüber befindlichem Schutzwald im Blickfeld, ebenso den vielseitigen Auenwald entlang der Landquart, wurden die Teilnehmenden gebeten, ihre Vorstellungen vom Wald und die Funktion, welche dieser wahrnehmen soll, zu notieren. Die Stichworte reichten von «hübscher Mischwald», «Lichtungen», «schöne Wanderwege» über «Pilze», «Quellwasser», «Lebensraum für alle Tiere sowie für den Menschen, sofern er sich anpasst» bis zum «Christbaum». Schliesslich wurde auch noch ein «Wald mit gutem Holzpreis» angeführt.

Steter Wandel 

Anhand von drei vergilbten Aufnahmen, auf welche er vor 15 Jahren beim Studium des Aktenbergs seines Vorgängers Josias Flury stiess, veranschaulichte Matthias Zubler, wie sich Schiers vor 100 Jahren präsentierte und wie frappant sich die Kulturlandschaft in dieser Zeitspanne gewandelt hat. «An Häusern zählte man vielleicht einen Viertel des jetzigen Bestandes. Die Allmend oberhalb der Mittelschule war nicht bewaldet, da befanden sich viele Agrarflächen. Man hatte sich so installiert, dass man mit Produkten aus der näheren Umgebung überleben konnte», so Zubler. «Weiter ist dem Bild zu entnehmen, dass die RhB auf der gleichen Linie lag wie heute und sich das Bahnhofsgebäude am selben Ort befand. Klar zu sehen ist auch, dass die Schwellebene der Landquart deutlich grösser war.»

  • Förster Thomas Löffel (3. von rechts), Regionalforstingenieur Matthias Zubler (ganz rechts) und Umweltwissenschaftler Peter Bebi (Mitte rechts) vermittelten einen spannenden Einblick in den Schierser Wald. Bild: Heidi Wyss
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80 Prozent Schutzwald

Der ganze Schierser Wald verteilt sich über 2600 Hektaren – in etwa 3000 Fussballfelder. Rund 80 Prozent davon ist Schutzwald, eingeteilt in verschiedene Risikotypen. «Dem Wald direkt gegenüber am Landquarterberg, oberhalb der Tabrec, kommt die höchste Stufe A zu. Er ist keine 100 Jahre alt», erklärte Zubler. Wie später an Ort und Stelle nachgezählt wurde, bringen es die dortigen Bäume auf 75 Jahrringe. «Wo heute junge Fichten stehen, unterhielt man früher zahlreiche Maiensässe. Nach dem Zweiten Weltkrieg erzielte man einen guten Holzpreis. Man löste die Maiensässe am Landquarterberg teilweise auf. Jetzt hat man da fast keine Maiensässe mehr, dafür alles gleichaltrige Fichten und keine Strasse, um das Holz runterzuholen.»

Tatsächlich finden sich im besagten Waldabschnitt – abgesehen von einzelnen Buchen – praktisch nur Fichten. Die Bäume seien zwar nicht in Reih und Glied gepflanzt worden, wahrscheinlich habe man sie jedoch zugunsten der Fichte gepflegt, erklärte Löffel: «Die Fichte war immer eine beliebte Baumart. Sie kann vielseitig verarbeitet werden, bereitete kaum Sorgen und brachte jahrzehntelang immer gutes Geld ein. Alles, was Nadeln hatte, war gut, alles, was Laub trug, kam weg. Von dieser Mentalität kommen wir nun hoffentlich ab!»

In jüngster Zeit fallen überall im Schierser Wald dürre Bäume ins Auge. «Dürre Bäume hat es schon immer gegeben, aber in diesem Ausmass stellen wir sie seit dem trockenen Sommer 2019 fest», sagte der Förster. Nachdem Sturmtief Burglind am 2./3. Januar 2018 über die Schweiz hinwegbrauste, habe man da, wo man dazugekommen sei, aufgeräumt. «Doch auch die Bäume, welche noch standen, trugen Wurzelschäden davon. Abgebrochene Feinwurzeln vermögen nachzuwachsen, jedoch nicht alle in einem Jahr. Wären nicht gleich zwei trockene Jahre gefolgt, hätten sich die Bäume erholt», glaubt der Förster. Diese jetzt erst zu fällen mache keinen Sinn, es sei denn aus ästhetischen Gründen. Der Borkenkäfer sei längst ausgeflogen.   

Und in 20 oder 50 Jahren?

«In den letzten Jahrzehnten ist es deutlich wärmer geworden. Auch, wenn sicher wieder kühlere Jahre folgen, werden wir bedingt durch die stärkere Sonnenwärme immer mehr extreme Jahre, auch mit Stürmen, registrieren, welche sich vor allem in den unteren Lagen bemerkbar machen werden», erklärte Peter Bebi. «In den nächsten Jahrzehnten dürften Jahre wie 2019 zur Regel werden. Wir werden ein Klima haben, wie es aktuell in Südeuropa vorherrscht.» Von der Nutzungsgeschichte her seien Bestände, in welchen alle Bäume fast gleichaltrig seien, benachteiligt: «Es sind wenig Strukturen und Vielfalt da, und wenn die Klimaerwärmung zunimmt, wird es heikel. Die Folge sind mehr abgestorbene Bäume Borkenkäfer, Stürme, Schneebrüche etc.» Generell müsse die Entwicklung mit der Klimaerwärmung in Richtung «mehr Vielfalt in jeder Hinsicht gehen». «Artenreiche Wälder vermögen besser mit der Trockenheit umzugehen, selbst, wenn die Buche teilweise Probleme hat. Sehr klimaresistent sind beispielsweise die Eiche oder die Kastanie.» Langfristig würden am Landquarterberg Weisstanne, Vogelbeere, Esche, Elsbeere und Ahron stehen, diese könnten jedoch unter dem bestehenden Fichtenschirm nicht aufkommen, erklärte Bebi. «Da muss eine Störung vonstattengehen, sei es durch den Förster oder durch die Natur.» 

«Der Wald wird sich immer verändern. Das war immer schon so und wird so bleiben. Es wird ein Kommen und Gehen sein, Leben und Tod, mit dürren Bäumen oder ohne. Das gehört zur Natur – die Frage ist, wie die Gesellschaft mit diesen zusehends starken Veränderungen zurechtkommt. Kann der Wald auch in Zukunft seine an ihn gestellten vielfältigen Leistungen erfüllen? Wir Förster versuchen, Eurem Wald Sorge zu tragen. Natürlich möchten wir den Superrohstoff Holz auch nutzen und wir wünschten uns, dass dieser möglichst in der Region bliebe, statt dass er – wie derzeit der Fall – in die Ferne geliefert wird.» Für eine regionale Holzbaukultur brauche es auch ein regionales Sägewerk», fügte Löffel an.

hw